Work-Life-Balance

Ich sage es gleich am Anfang: Ich habe ein Problem mit dem Begriff „Work-Life-Balance“. Kein Problem habe ich mit der inhaltlichen Bedeutung des Begriffs. Und vielleicht kommt mein Problem auch einfach daher, dass ich es sprachlich hier etwas zu genau nehme. Ich werde das gleich genauer erläutern. Zuerst definiere ich aber, was man unter dem Begriff „Work-Life-Balance“ versteht.

Work-Life-Balance – eine Definition

Nach meinem Verständnis ist die Idee hinter dem Begriff „Work-Life-Balance“, dass ein Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Lebensbereichen geschaffen wird. Diese unterschiedlichen Lebensbereiche umfassen neben der (Erwerbs-)Arbeit auch die Familie, die Freunde, Hobbys, das Engagement in Vereinen und anderes. Es ist deshalb wichtig, diesen Ausgleich zu schaffen, weil das Vernachlässigen eines Bereiches auch negative Auswirkungen auf andere Bereiche haben kann.

Als Beispiel vielleicht das:
Jemand vernachlässigt für seine Arbeit den Kontakt zu seiner Frau und seinen Kindern. Dies führt zu einer Ehekrise, eventuell sogar zu einer Scheidung. Diese wiederum führt zu einer Minderung der Arbeitsleistung, weil der Betroffene natürlich abgelenkt ist und unter Druck steht.

Die Auswirkungen, die das Vernachlässigen eines Lebensbereiches haben kann, können dramatisch sein. Tatsächlich stehen hier die körperliche und die geistige Gesundheit auf dem Spiel.

Das Problem

Jetzt aber zu meinem Problem:
Grundsätzlich halte ich es für äußerst wichtig, einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Lebensbereichen zu schaffen.
Mein Problem mit dem Begriff „Work-Life-Balance“ ist jedoch, dass er suggeriert, dass sich unsere Existenz in die Arbeit einerseits und das Leben andererseits aufteilt. Es entsteht der Eindruck, dass die Arbeit nicht zum Leben gehört. Dabei kann die Arbeit einen entscheidenden Beitrag zum Wohlbefinden und zu einem erfüllten Leben leisten. Außerdem glaube ich, dass kaum jemand seine Arbeit so sehr hasst, dass er sie nicht als Teil seines Lebens ansieht.
Des weiteren sehe ich es als problematisch an, dass es eben nicht nur das Leben allgemein gibt, das hier mit dem Begriff „Life“ bezeichnet wird. Unter diesen Begriff werden die Familie, die Freunde, die Hobbys und alles andere außerhalb der „Arbeit“ zusammengefasst. Dabei wird allerdings übersehen, dass es auch und gerade in diesem Bereich schnell zu Überschneidungen und widerstreitenden Interessen kommen kann. Allein die Frage, wie viel Zeit man mit der Familie und wie viel Zeit man mit den Hobbys verbringt ist nicht immer leicht zu lösen.

Kurz gesagt: der Begriff „Work-Life-Balance“ die Fragestellung falsch beschreibt.
Es geht letztlich ja darum, alle Lebensbereiche – manchmal auch Lebensrollen oder „Lebenshüte“ – miteinander in Einklang zu bringen und jedem Bereich den angemessenen Raum zu geben.

Ich werde deshalb in Zukunft vom „Ausgleich der Lebensbereiche“ oder von der „Lebens-Balance“ sprechen. Auf diesem Weg umgeht man die unsinnige Gegenüberstellung von „Arbeit“ und „Leben“. Zu einem tatsächlichen Ausgleich und einem Gleichgewicht zwischen wirklich allen Lebensbereichen kommt man erst dann, wenn man auch die Arbeit als einen integralen Bestandteil des Lebens akzeptiert. Ansonsten kann es passieren, dass man nur noch von Wochenende zu Wochenende lebt und die Arbeit nur noch als notwendige Unannehmlichkeit ansieht. Diese Einstellung steht einem erfüllten und befriedigenden Leben ebenso im Wege, wie es der Fall ist, wenn man sein Leben nur über die Arbeit – oder einen anderen Lebensberreich – definiert.

 

Nachtrag vom 10.10.13, 14:44 Uhr:
Da taucht doch tatsächlich ein Buch zu diesem Thema auf – und das wird bei Spiegel-Online besprochen. Das Buch sollte ich vielleicht auch mal lesen.